{"id":2467,"date":"2021-12-18T17:44:00","date_gmt":"2021-12-18T16:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/?p=2467"},"modified":"2021-12-25T23:20:12","modified_gmt":"2021-12-25T22:20:12","slug":"ein-feigenblatt-das-frontex-rechenschaftssystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/it\/2021\/12\/18\/ein-feigenblatt-das-frontex-rechenschaftssystem\/","title":{"rendered":"Ein Feigenblatt: Das Frontex-Rechenschaftssystem"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group af-article-head\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Ein Feigenblatt: Das Frontex-Rechenschaftssystem<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die Grenzschutzagentur Frontex verf\u00fcgt \u00fcber eine Vielzahl von Kontrollmechanismen, die formell die Einhaltung der Grundrechte garantieren sollten. In der Realit\u00e4t f\u00fchren diese jedoch weder zu einer verbindlichen Rechenschaftspflicht noch zu einer effektiven Kontrolle der Arbeit an den Grenzen. Vielmehr werden sie als Feigenbl\u00e4tter genutzt und helfen mit, Menschenrechtsverletzungen zu verschleiern und damit zu erm\u00f6glich.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group af-article-body af-links--soft\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p>Von Lena Karamanidou, Migrationsforscherin<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2011 hat Frontex mehrere Rechenschaftsmechanismen eingerichtet, um den verbreiteten Bedenken hinsichtlich der Menschenrechtsbilanz der Agentur Rechnung zu tragen. Folgende Rechenschaftsmechanismen existieren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>seit 2011 das Meldesystem f\u00fcr <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/accountability\/fundamental-rights\/fundamental-rights-at-frontex\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">schwerwiegende Vorf\u00e4lle<\/a> (Serious Incident Reports)<\/li><li>die Beobachter f\u00fcr die zwangsweise R\u00fcckf\u00fchrung<\/li><li>der <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/accountability\/fundamental-rights\/fundamental-rights-officer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Grundrechtsbeauftragte <\/a>(engl.: Fundamental Rights Officer \u2013 FRO)<\/li><li>das <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/accountability\/fundamental-rights\/consultative-forum\/general\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Konsultationsforum<\/a><\/li><li>seit 2016 der Mechanismus f\u00fcr <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/media-centre\/multimedia\/videos\/complaints-mechanism-tKAj1m\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Einzelbeschwerden<\/a><\/li><li>und seit 2019 zudem die <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/accountability\/fundamental-rights\/fundamental-rights-monitors\/\">Grundrechtsbeobachter <\/a>(FRM).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die kollektive Funktion der sechs Rechenschaftsmechanismen besteht darin, Grundrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der T\u00e4tigkeit von Frontex zu \u00fcberwachen und zu melden und die Einhaltung der Grundrechtsverpflichtungen zu st\u00e4rken. Zus\u00e4tzlich zu diesen internen Verwaltungsmechanismen ist Frontex gegen\u00fcber anderen Institutionen wie dem Europ\u00e4ischen Parlament, dem Rat und den Gerichten rechenschaftspflichtig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rechenschaftsmechanismen als Feigenblatt<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Wirksamkeit der Menschenrechtsmechanismen und das System der Rechenschaftspflicht von Frontex wurde schon immer in Frage gestellt (Bsp: <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/report\/2011\/09\/21\/eus-dirty-hands\/frontex-involvement-ill-treatment-migrant-detainees-greece\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Report von Human Rights Watch<\/a>, <a href=\"https:\/\/correctiv.org\/en\/top-stories\/2019\/08\/15\/frontex-watching-the-watchers\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Investigativbericht von Correctiv<\/a> oder <a href=\"http:\/\/migreurop.org\/IMG\/pdf\/Frontex-PE-Mig-ENG.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Studie von Migreurop<\/a>). Im Laufe der Berichterstattung rund um Frontex in den letzten Jahren wurde deutlicher denn je, dass die Rechenschaftspflicht wie ein Feigenblatt wirkt. Anstatt Verst\u00f6sse und Gewalt an den Grenzen der Europ\u00e4ischen Union zu dokumentieren, verschleiert es diese. Anstatt Gewalt zu verhindern \u2013 vorausgesetzt, dies ist m\u00f6glich, da institutionalisierte Grenzen von Natur aus gewaltt\u00e4tig und rassistisch sind \u2013 wurde &nbsp;das System dazu benutzt, Frontex von jeglichem Fehlverhalten zu entlasten und die von der EU und ihren Mitgliedstaaten ver\u00fcbten Gewalt und Verst\u00f6sse zu legitimieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigte sich zum Beispiel dadurch, dass die von Mechanismen wie dem System zur Meldung schwerwiegender Zwischenf\u00e4lle produzierten Informationen dazu verwendet wurden, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen herunterzuspielen. Im Jahr 2017 begr\u00fcndete der Exekutivdirektor Fabrice Leggeri seine <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/3967784#.YbM_3b3P3IU\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ablehnung<\/a> von Empfehlungen des Konsultativforums und des Grundrechtsbeauftragten damit, dass es nur drei Berichte \u00fcber schwerwiegende Vorf\u00e4lle in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen gab. Zudem haben nationale Regierungen (z.B. <a href=\"https:\/\/rm.coe.int\/comments-by-the-greek-authorities-to-the-report-of-the-council-of-euro\/16809078d4\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Griechenland<\/a> und <a href=\"https:\/\/rm.coe.int\/16808d6f12\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ungarn<\/a>) mit dem Ausbleiben gemeldeter Verst\u00f6sse durch Frontex argumentiert, um illegale Praktiken an ihren Grenzen zu leugnen. Als im Jahr 2020 Abgeordnete des Europ\u00e4ischen Parlaments Besorgnis \u00fcber Schiesserein und Todesf\u00e4lle \u00e4usserten, <a href=\"https:\/\/respondmigration.com\/blog-1\/what-is-frontex-doing-about-illegal-pushbacks-in-evros#_ftn1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">antwortete<\/a> Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen mit dem Hinweis, dass es keine Berichte \u00fcber schwerwiegende Zwischenf\u00e4lle gebe. Innerhalb von Frontex war jedoch <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/assets\/Partners\/Consultative_Forum_files\/Frontex_Consultative_Forum_annual_report_2019.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">seit Jahren<\/a> <a href=\"https:\/\/data.consilium.europa.eu\/doc\/document\/ST-6294-2020-INIT\/en\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">bekannt<\/a>, dass nur sehr wenige Berichte \u00fcber Menschenrechtsverletzungen von Frontex-Beamt:innen eingereicht wurden. Wenn sie eingereicht wurden, wurden sie manchmal f\u00e4lschlicherweise in anderen Kategorien als Menschenrechtsverletzungen <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/3967784#.YbM_3b3P3IU\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">eingeordnet<\/a>. Der FRO wurde <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/2590\/ep-frontex-scrutiny-group-final-report-14-7-21.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nicht immer<\/a> <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/2590\/ep-frontex-scrutiny-group-final-report-14-7-21.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">informiert<\/a>. Heute wissen wir, dass es eine <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/2590\/ep-frontex-scrutiny-group-final-report-14-7-21.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kultur der Entmutigung<\/a> bei der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/international\/europe\/eu-border-agency-frontex-complicit-in-greek-refugee-pushback-campaign-a-4b6cba29-35a3-4d8c-a49f-a12daad450d7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Einreichung von SIRs<\/a> gab. Dennoch wurde dieses mangelhafte System von Frontex und EU-Akteuren als Beweis genutzt, um Bedenken \u00fcber Menschenrechtsverletzungen und Gewalt an den europ\u00e4ischen Grenzen abzutun oder zu leugnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Interne Kontrollorgane ohne reale Macht<\/h2>\n\n\n\n<p>Umgekehrt wurden die Beitr\u00e4ge von Mechanismen wie dem Beratenden Forum und dem Grundrechteb\u00fcro ignoriert, wenn sie f\u00fcr die von Frontex bevorzugte Vorgehensweise ungeeignet waren. M\u00f6glich wird das durch die Gestaltung dieser Mechanismen: Das Beratungsforum ist lediglich ein <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/3967784#.YbM_3b3P3IU\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">beratendes<\/a> <a href=\"https:\/\/www.ecre.org\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/ECRE-Comments-EU-Asylum-Agency_July-2016-final_2.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gremium<\/a>, w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/ecre.org\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Policy-Papers-07.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Grundrechtsbeauftragte<\/a> zwar bei der Erf\u00fcllung seiner Aufgaben unabh\u00e4ngig ist, aber keine Entscheidungsbefugnis hat. Es ist letztendlich der Exekutivdirektor, der <a href=\"https:\/\/ecre.org\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Policy-Papers-07.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">entscheidet<\/a> \u2013 und in gewissem Masse auch der Verwaltungsrat, der sich aus Vertreter:innen der Innenministerien und des Grenzschutzes der Mitgliedstaaten sowie Vertreter:innen der Europ\u00e4ischen Kommission zusammensetzt. Als das Konsultativforum Frontex <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/news\/2018\/may\/eu-frontex-condemned-by-its-own-fundamental-rights-body-for-failing-to-live-up-to-obligations\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">empfahl<\/a>, sich wegen den schweren und weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen, wie mangelnder Zugang zu Asyl und der Verletzung vom Grundsatz der Nichtzur\u00fcckweisung, von den Operationen in Ungarn zur\u00fcckziehen, tat Frontex nichts. Erst nach einer <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/en\/TXT\/?uri=CELEX:62018CJ0808\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Entscheidung des Gerichtshofs<\/a> <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/frontex-suspends-operations-in-hungary-over-asylum-system\/a-56364948#:~:text=Frontex%2C%20the%20European%20Union's%20(EU,Budapest's%20treatment%20of%20asylum%20seekers.&amp;text=The%20move%20comes%20on%20the,critical%20of%20Hungary's%20asylum%20system.\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">beschloss<\/a> Frontex, sich von den Operationen an den ungarischen Grenzen zur\u00fcckzuziehen, auch wenn sie <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/2590\/ep-frontex-scrutiny-group-final-report-14-7-21.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">weiterhin<\/a> an R\u00fcckf\u00fchrungsaktionen teilnahm. Auch die Empfehlungen des Grundrechtsbeauftragten zu den Soforteins\u00e4tzen 2020 in Evros und in der \u00c4g\u00e4is, in denen Bedenken hinsichtlich der Einhaltung der Menschenrechte ge\u00e4ussert wurden, wurden nicht <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/1709\/eu-frontex-written-questions-answers-libe-hearing-1-12-20.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">umgesetzt<\/a>. Der neu ernannte Grundrechtsbeauftragte, Jonas Grimhe, hat k\u00fcrzlich <a href=\"https:\/\/euobserver.com\/migration\/153666\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">betont<\/a>, dass seine Empfehlungen ber\u00fccksichtigt werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab viele weitere Hinweise darauf, dass die Rechenschaftspflicht im Bereich der Menschenrechte nie zu den Priorit\u00e4ten der Agentur geh\u00f6rte. Beide Mechanismen, insbesondere der <a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/assets\/Partners\/Consultative_Forum_files\/Frontex_Consultative_Forum_annual_report_2018.pdf\">FRO<\/a>, waren nur <a href=\"https:\/\/ecre.org\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Policy-Papers-07.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">unzureichend ausgestattet<\/a>. Im Januar 2021 zog <a href=\"https:\/\/picum.org\/picum-is-no-longer-part-of-the-frontex-consultative-forum\/\">PICUM<\/a>, eines der Mitglieder des Konsultativforums, seine Mitgliedschaft zur\u00fcck und begr\u00fcndete dies mit Bedenken hinsichtlich der Menschenrechtsbilanz von Frontex und der Zusammenarbeit zwischen dem Forum und der Agentur. Es wurde offensichtlich, dass es <a href=\"https:\/\/www.ekathimerini.com\/news\/261205\/olaf-raided-eu-border-chiefs-office-over-migrant-pushback-claims\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">viele<\/a> <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/1708\/eu-com-letter-to-frontex-18-12-20.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Spannungen<\/a> zwischen dem Exekutivdirektor Fabrice Leggeri und dem Grundrechtsb\u00fcro gab: unter anderem Widerstand gegen die Unabh\u00e4ngigkeit und den Ausbau der FRO, die in der Frontex-Verordnung vorgesehen sind, sowie Missst\u00e4nde und Verz\u00f6gerungen bei der Einstellung von Grundrechtsbeobachter:innen und einer neuen Grundrechtsbeauftragten.&nbsp;Wenn Frontex mit Menschenrechtskritik konfrontiert wird, wird dem oft mit dem Vorhandensein von \u00dcberwachungs- und Rechenschaftsmechanismen entgegnet (Bsp: <a href=\"https:\/\/publications.parliament.uk\/pa\/ld201516\/ldselect\/ldeucom\/46\/4608.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Parlament<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.bellingcat.com\/app\/uploads\/2020\/10\/FOI-1-20200724_ED-reply-to-LIBE-Chairman.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fabrice Leggeri<\/a>). Aber in der Praxis werden die von ihnen produzierten Informationen instrumentalisiert oder ignoriert. M\u00f6glich ist das wegen dem Ungleichgewicht der Befugnisse im rechtlichen Rahmen von Frontex.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Abw\u00e4lzung der Verantwortung auf Mitgliedstaaten<\/h2>\n\n\n\n<p>Ausserdem entzieht sich Frontex seiner Rechenschaftspflicht, indem es die Verantwortung f\u00fcr Menschenrechtsverletzungen auf die Grenzschutzbeamten der Mitgliedstaaten abw\u00e4lzt. Wie bereits <a href=\"https:\/\/www.ejiltalk.org\/why-it-is-so-hard-to-hold-frontex-accountable-on-blame-shifting-and-an-outdated-remedies-system\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">h\u00e4ufig argumentiert wurde<\/a>, ist es \u00e4usserst <a href=\"https:\/\/ecre.org\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Policy-Papers-07.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">schwierig<\/a>, Frontex f\u00fcr die Begehung von oder die Mitschuld an Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu machen. Aus rechtlicher Sicht besteht das Hauptproblem darin, dass Akteure an Eins\u00e4tzen, bei denen es zu Menschenrechtsverletzungen kommt, beteiligt sind \u2013 so zum Beispiel von Frontex entsandte Beamt:innen, nationale Beamt:innen oder nationale Kommandos. Die Verantwortung der einzelnen Beteiligten ist schwer <a href=\"https:\/\/www.ejiltalk.org\/why-it-is-so-hard-to-hold-frontex-accountable-on-blame-shifting-and-an-outdated-remedies-system\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">festzustellen<\/a>, da diese oft von intransparenten, operativen Absprachen und Entscheidungen abh\u00e4ngig ist. Frontex hat stets argumentiert, dass die Verantwortung f\u00fcr Grundrechtsverletzungen in erster Linie bei den nationalen Einsatzkr\u00e4ften liegt, da diese die Einsatzleitung innehaben. Frontex habe nur wenige Befugnisse gegen\u00fcber den nationalen Beh\u00f6rden. Dieses Argument war zentral Zusammenhang mit Push-Backs in der <a href=\"https:\/\/multimedia.europarl.europa.eu\/en\/committee-on-civil-liberties-justice-and-home-affairs_20201201-1345-COMMITTEE-LIBE_vd\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00c4g\u00e4is<\/a> mit Frontex-Beteiligung. Zwar kann man <a href=\"https:\/\/eumigrationlawblog.eu\/the-first-steps-of-frontex-accountability-implications-for-its-legal-responsibility-for-fundamental-rights-violations\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">argumentieren<\/a>, dass Frontex eine gewisse Verantwortung f\u00fcr Verst\u00f6sse in ihren Einsatzgebieten tr\u00e4gt. Gleichzeitig ist Frontex aber <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/news\/2021\/march\/eu-pushbacks-scandal-frontex-correspondence-with-national-and-eu-authorities\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">abh\u00e4ngig<\/a> davon, dass die nationalen Regierungen ihr eigenes Fehlverhalten untersuchen. Dieser Hintergrund verst\u00e4rkt das Fehlen einer funktionierenden Rechenschaftspflicht. Es \u00fcberrascht nicht, dass die nationalen Beh\u00f6rden dazu neigen, sich selbst zu entlasten. Das zeigen nicht zuletzt <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/1947\/portug-2.pdf\">Kommunikationsfragmente<\/a> aus der Untersuchung des Verwaltungsrats auf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fehlende Unabh\u00e4ngigkeit interner Untersuchungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Untersuchung des Verwaltungsrats, die als Reaktion auf die mediale Berichterstattung durchgef\u00fchrt wurde, verdeutlichte die Abh\u00e4ngigkeit von internen Rechenschaftsregelungen und nationalen Beh\u00f6rden. Wie die zuvor erw\u00e4hnten \u00dcberwachungs- und Rechenschaftsmechanismen ist auch der Verwaltungsrat ein internes Leitungsorgan. Die Untersuchung wurde \u2013 mit Ausnahme eines Kommissionsvertreters \u2013 von Vertreter:innen der nationalen Organisationen durchgef\u00fchrt, die mit Frontex die Aussengrenzen sch\u00fctzen. Die gepr\u00fcften <a href=\"https:\/\/euobserver.com\/migration\/151269\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Informationen <\/a>stammten von Frontex und den nationalen Beh\u00f6rden selbst, ohne externe \u00dcberpr\u00fcfung. Auf Grundlage dieser Informationen wurde Frontex entlastet. Obwohl einige der Pushback-Vorf\u00e4lle in der \u00c4g\u00e4is auf Menschenrechtsverletzungen durch die griechische K\u00fcstenwache hindeuteten, <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/cmsdata\/238156\/14072021%20Final%20Report%20FSWG_en.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wurden<\/a> fast alle Vorf\u00e4lle <a href=\"https:\/\/fragdenstaat.de\/en\/documents\/8940-management-working-group\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">geschlossen<\/a>. Die zweite grosse Untersuchung von Frontex, die von einer Arbeitsgruppe des LIBE-Ausschusses (LIBE = Ausschuss f\u00fcr b\u00fcrgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres) des Europ\u00e4ischen Parlaments durchgef\u00fchrt wurde, war ein weitaus strengeres, \u00f6ffentliches Verfahren. Dabei wurden eine Reihe von externen Akteuren zu den Anh\u00f6rungen eingeladen wurden \u2013 Journalist:innen, Menschenrechtsorganisationen und akademische Expert:innen. In beiden Untersuchungen wurde Frontex von einer \u00abdirekten Beteiligung\u00bb an Menschenrechtsverletzungen freigesprochen. Das obwohl die FSWG-Untersuchung (FSWG = Frontex Scrutiny Working Group) ergab, dass Frontex von Menschenrechtsverletzungen <a href=\"https:\/\/eumigrationlawblog.eu\/the-first-steps-of-frontex-accountability-implications-for-its-legal-responsibility-for-fundamental-rights-violations\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wusste<\/a> aber nichts unternahm.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kein Raum f\u00fcr grundlegende Ver\u00e4nderungen<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie durch die bestehenden Mechanismen entstand durch diese Untersuchungen die Illusion von funktionierender Rechenschaftspflicht. Viel Aufmerksamkeit und Schuld wurde auf eine Person, den Exekutivdirektor Fabrice Leggeri, gelenkt. Und nicht auf den rechtlichen Rahmen, die Politik oder die Praktiken, die zu Verst\u00f6ssen und einem Versagen der Rechenschaftspflicht f\u00fchren \u2013 also jene Struktur, die den Exekutivdirektor mit so viel Macht ausstattet. Beide Untersuchungen schlugen kleinere Reformen der Mechanismen und Praktiken vor, um die Rechenschaftspflicht zu verbessern. Das aber ohne strukturelle \u00c4nderungen zu fordern, die eine Reform des Rechtsrahmens erforderlich machen w\u00fcrden. Einer der gr\u00f6ssten Schwachpunkte des Systems der Rechenschaftspflicht besteht jedoch gerade darin, dass es sich auf Mechanismen st\u00fctzt, die Frontex-intern und rechtlich gesehen nicht unabh\u00e4ngig sind. Zusammengefasst ist Frontex also damit <a href=\"https:\/\/verfassungsblog.de\/frontex-and-the-duty-to-respect-and-protect-human-rights\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">beauftragt<\/a>, sich an den Aktivit\u00e4ten zu beteiligen, die zu Menschenrechtsverletzungen f\u00fchren ABER diese gleichzeitig auch zu \u00fcberwachen, zu melden und zu verhindern. Wir haben gesehen, dass das zweite Ziel f\u00fcr Frontex, aber auch f\u00fcr die EU und die Mitgliedstaaten, weit weniger wichtig war als das erste.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies wurde in den Untersuchungen deutlich. Diese zeigten, dass es im derzeitigen politischen Umfeld, sprich in den politischen Entscheidungsgremien der EU und der Mitgliedstaaten selbst, wenig Potenzial auf eine radikale Reform von Frontex gibt \u2013 und noch weniger auf einen finanziellen R\u00fcckbau oder gar deren Abschaffung. Die parlamentarische Untersuchung wurde aufgrund der <a href=\"https:\/\/euobserver.com\/migration\/150772\">Einw\u00e4nde<\/a> einiger Fraktionen als Arbeitsgruppe \u00abKontrolle\u00bb und nicht als vollst\u00e4ndige parlamentarische Untersuchung eingerichtet. In einer der Sitzungen <a href=\"https:\/\/multimedia.europarl.europa.eu\/en\/committee-on-civil-liberties-justice-and-home-affairs_20210316-1345-COMMITTEE-LIBE_vd\">kommentierte<\/a> Kommissarin Ylva Johansson die Ergebnisse der Untersuchung des Verwaltungsrats. Demnach gebe es keine Beweise daf\u00fcr, dass Frontex in Pushbacks verwickelt ist. Sie ging sogar so weit zu sagen, dass dies \u00abdas Ergebnis ist, das wir erwartet haben\u00bb, weil \u00abeine EU-Agentur keine Grundrechte verletzen sollte\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist keine \u00dcberraschung: Frontex ist eine Vorzeigeinstitution f\u00fcr das Projekt der EUrop\u00e4isierung des Grenzschutzes in Europa. Die \u00dcberzeugung, dass die Pr\u00e4senz von Frontex notwendig ist, um sicherzustellen, dass die Menschenrechte an den Aussengrenzen geachtet und Verst\u00f6sse \u00fcberwacht und gemeldet werden, ist trotz aller gegenteiligen Beweise weit verbreitet. So stellen die Untersuchungen und die umfassenderen Regelungen zur Rechenschaftspflicht die <em>Daseinsberechtigung <\/em>von Frontex nicht in Frage, sondern fungieren als Feigenbl\u00e4tter. Diese erwecken den Eindruck, dass die M\u00e4ngel der Agentur durch die vorgeschlagenen geringf\u00fcgigen Reformen behoben werden. Und sie erhalten den Mythos von Frontex als eine Kraft des Guten an den EU-Grenzen \u2013 statt als aktiver Bestandteil der unvermeidlichen Grenzgewalt<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Feigenblatt: Das Frontex-Rechenschaftssystem Die Grenzschutzagentur Frontex verf\u00fcgt \u00fcber eine Vielzahl von Kontrollmechanismen, die formell die Einhaltung der Grundrechte garantieren sollten. 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