{"id":2502,"date":"2021-12-19T19:46:32","date_gmt":"2021-12-19T18:46:32","guid":{"rendered":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/?p=2502"},"modified":"2022-01-07T22:52:30","modified_gmt":"2022-01-07T21:52:30","slug":"frontex-und-die-gewalt-an-der-albanisch-griechischen-grenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/2021\/12\/19\/frontex-und-die-gewalt-an-der-albanisch-griechischen-grenze\/","title":{"rendered":"Frontex und die Gewalt an der albanisch-griechischen Grenze"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group af-article-head\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Frontex und die Gewalt an der albanisch-griechischen Grenze<\/h1>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group af-article-body af-links--soft\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-group af-article-body__meta\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-post-date\"><time datetime=\"2021-12-19T19:46:32+01:00\">19. d\u00e9cembre 2021<\/time><\/div>\n\n\n<p>Erfahrungsbericht von Zeug:innen und Betroffenen<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Seit Juni 2019 ist die Frontex auch in Albanien stationiert. Albanien ist somit der erste Drittstaat, indem Frontex Operationen mit \u00fcber 100 bewaffneten Beamt:innen und einer eigenen Infrastruktur durchf\u00fchrt. Was sich in Albanien abspielt, ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie die Schengenstaaten ihr Grenz- und Migrationsregime auslagern. Die folgenden Vorw\u00fcrfe gegen die Frontex basieren auf Aussagen von People on the Move (PoM), die wir im Sommer 2021 in Albanien und Nordgriechenland interviewten. Ein ausf\u00fchrlicher Bericht steht kurz vor der Ver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">In Albanien testet die EU die Externalisierung der Grenzkontrolle<\/h2>\n\n\n\n<p>Albanien ist ein Transit-Land f\u00fcr PoM auf der sogenannten Balkanroute. Die PoM erreichen Albanien von Griechenland aus, um entweder \u00fcber den Seeweg nach Italien zu gelangen oder \u00fcber den Landweg weitere Balkanstaaten Richtung EU zu durchqueren. Um die Festung Europa abzuschotten, sollen PoM so fr\u00fch wie m\u00f6glich blockiert werden. Die neue Schengenstrategie sieht vor, zu diesem Zweck verst\u00e4rkt auch Drittstaaten einzuspannen. Diese Externalisierung wird in Albanien getestet, um sie in immer wie mehr Drittstaaten einzuf\u00fchren. Die Abschottungspolitik der EU ist rassistisch und imperial. Sie basiert auf einem Weltverst\u00e4ndnis, das Menschen des globalen S\u00fcdens ausschliesst, um eine Festung zu errichten und erhalten, die auf der Ausbeutung anderer Staaten aufbaut.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Frontex beteiligt sich systematisch an gewaltvollen Pushbacks<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Interviews mit gepushbackten PoM auf der griechischen Seite der Grenze zu Albanien kristallisierte sich folgendes System heraus: Im albanischen Grenzgebiet sp\u00fcren Frontex-Beamt:innen die PoM auf, die zu Fuss \u00fcber die \u00abgr\u00fcne Grenze\u00bb nach Albanien einreisen. Anders als in Griechenland oder Kroatien werde diese Grenze noch nicht durchgehend von (W\u00e4rmebild-)Kameras, Drohnen- oder Helikopterfl\u00fcgen und GPS-Ortungssystemen \u00fcberwacht. Zum Aufsp\u00fcren der PoM seien bewaffnete Patroullien \u2013 ausger\u00fcstet mit hochtechnologischen Ferngl\u00e4sern und teilweise Hunden \u2013 im Einsatz, die genau w\u00fcssten wo und wie zubeissen. Bei Festnahmen k\u00e4me es zu Dem\u00fctigungen und Gewalt. Auch berichteten mehrere PoM, dass Frontex-Beamt:innen zur Einsch\u00fcchterung mit ihren Pistolen in die Luft oder in den Boden schiessen. Dannach werde die albanische Grenzpolizei informiert, die die PoM mit Kastenwagen zu einem der beiden grenznahen Abschiebecamps \u2013 in Gjirokaster und Kapstice \u2013 fahre. Dort komme es h\u00e4ufig zu k\u00f6rperlicher und psychischer Gewalt \u2013 vorwiegend ausge\u00fcbt durch die Frontex-Beamt:innen und nicht durch die albanischen Polizist:innen. PoM berichten von Fusstritten, Faustschl\u00e4gen, Schl\u00e4gen mit Schlagst\u00f6cken, St\u00f6ssen gegen die Wand, Dem\u00fctigungen, Drohungen. Nach einem ungen\u00fcgenden Schnellverfahren (Pre-Screening) w\u00fcrden die PoM als \u00abillegal eingereiste Migrant:innen\u00bb klassifiziert und in der Regel von der albanischen Grenzpolizei an die griechische Grenze gestellt. Da es sich dabei um gewaltvolle Abschiebungen von ganzen Gruppen ohne faires Asylverfahren \u2013 also ohne Zugang zu Beratung, einer fairen Asylanh\u00f6rung und echten Beschwerdem\u00f6glichkeiten \u2013 handelt, muss von Pushbacks ausgegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nicht-EU-Staat Albanien \u00fcben europ\u00e4ische Grenzpolizist:innen offensichtlich auch illegale Gewalt aus, um PoM in das EU-Land Griechenland abzuschieben. Griechenland scheint im europ\u00e4ischen Grenzregime als Abstellplatz f\u00fcr PoM zu dienen, um diese daran zu hindern, nach Westeuropa zu gelangen. Gewaltvolle Abschottung kann keine L\u00f6sung sein. Migration ist eine Realit\u00e4t. Durch die Gewalt auf dem Weg erleben sie psychische und k\u00f6rperliche Zerm\u00fcrbung. Dagegen braucht es dringend sichere Flucht- und Migrationsrouten. Bewegungsfreiheit ist nicht nur ein Recht f\u00fcr Europ\u00e4er:innen, es ist ein Recht f\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgende Zitate und Erz\u00e4hlungen stammen aus Gespr\u00e4chen mit PoM. Wir trafen sie in grenznahen W\u00e4lden, wo sie vor\u00fcbergehend versteckt lebten. Meist sprachen wir mit ihnen am Abend desselben Tages, an dem sie die Gewalt erfuhren. Wir haben ihre Verletzungen gesehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ablauf der systematischen Pushbacks<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201cWe started at 3 o\u2019clock last night. We were maybe 20 adults and one little girl. For a long way we didn\u2019t meet any police. We already thought we were lucky. Suddenly at 11am twenty men in eight cars of Frontex and the Albanian Police caught me and all my friends. In two big cars they took all of us to the camp. One Albanian policemen was driving the car, one Frontex officer was sitting next to him. They brought us to the camp, where one police officer told us all to stand in a line. Some of the men were chosen and had to step forward. Then police beat these men in front of all of us. They also chose me and kicked me into my head when I was already lying on the ground. They threatened me, that they will do worse if they see me again. One person threw up because of too much pain. One lost a tooth. Some of the men did not stand up, maybe for one hour they did not stand up after.\u201d<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warnsch\u00fcsse<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201cFew days ago we tried to cross the border to Albania. It was my second try. We were a group of around 10 people, also families with children. Some kilometers after the border we got caught by a group of police. This time there were four German police, two French and one Albanian police. Without a warning they shot into the air with their pistols. They also shot into the ground next to us. Then two of the German police screamed to us: \u2018Down, down.\u2019 We had to lie on the ground and don&rsquo;t move. Then the officers kicked all the men in the group with their feet. Only women and children they did not beat. One Frontex men \u2013 he was German \u2013 hit my head hard with his pistol. After all of this they brought us to a camp inside Albania. After few hours they drove us to the border and told us to go back to Greece.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dem\u00fctigungen und Drohungen<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201cIt was seven days ago when I tried to cross the border to reach Albania. But Frontex officers caught me. They put me into handcuffs and brought me to the police station. Now is the third time they arrested me. Everytime they took my fingerprints. This time they threatened me and said : \u2018If we will catch you one more time, we will put you in prison for the next year.\u2019 Now really I am afraid to try again. You know, this time they kept me not in the camp, but in the police station next to it. One Frontex officer beat me with hand and foot. Then he said: \u2018Fuck Palestine.\u2019 Many times he said this. Why is he doing this? I am not a bad person. I am not a criminal! But I am treated like this. In Palestine I was a teacher. Really, I just want to go to the Netherlands. But the Frontex men told me: \u2018No, we don&rsquo;t like your people in Europe.\u2019\u201d<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Physische Gewalt<\/h2>\n\n\n\n<p>In der Zelle \u2013 auf der Polizeistation direkt neben dem Camp \u2013 habe F massive Gewalt erlebt. Einer der Frontex-Beamten habe alle anderen Beamt:innen aus der Zelle geschickt. Sobald sie nur noch zu zweit gewesen seien, habe dieser ihn zuerst hart von hinten gegen die Wand gestossen. F habe sich nicht an der Wand abst\u00fctzen k\u00f6nnen, da seine H\u00e4nde auf dem R\u00fccken in Handschellen festgemacht waren. Er sei hart gegen die Wand gestossen und habe sich das Knie blutig geschlagen. Dann habe der Frontex-Beamte F hinten am Kopf gefasst und diesen mehrmals gegen die Wand geschlagen. Seine Nase schmerze nun sehr stark, er vermute, dass sie gebrochen sei. F habe f\u00fcnf Stunden lang aus der Nase geblutet. Nun habe er Schwierigkeiten zu atmen. Auch am linken Auge tr\u00e4gt F sichtliche Verletzungen davon. Das Auge ist halb geschlossen, das Lid leicht geschwollen. Er zeigt uns den Bildschirm seines Handies, das Glas ist zersplittert. Es sei in der Gewaltsituation kaputtgegangen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungsbericht von Zeug:innen und Betroffenen<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"neve_meta_sidebar":"full-width","neve_meta_container":"full-width","neve_meta_enable_content_width":"","neve_meta_content_width":0,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"[\"content\",\"related-posts\"]","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","neve_meta_reading_time":"","_EventAllDay":false,"_EventTimezone":"","_EventStartDate":"","_EventEndDate":"","_EventStartDateUTC":"","_EventEndDateUTC":"","_EventShowMap":false,"_EventShowMapLink":false,"_EventURL":"","_EventCost":"","_EventCostDescription":"","_EventCurrencySymbol":"","_EventCurrencyCode":"","_EventCurrencyPosition":"","_EventDateTimeSeparator":"","_EventTimeRangeSeparator":"","_EventOrganizerID":[],"_EventVenueID":[],"_OrganizerEmail":"","_OrganizerPhone":"","_OrganizerWebsite":"","_VenueAddress":"","_VenueCity":"","_VenueCountry":"","_VenueProvince":"","_VenueState":"","_VenueZip":"","_VenuePhone":"","_VenueURL":"","_VenueStateProvince":"","_VenueLat":"","_VenueLng":"","_VenueShowMap":false,"_VenueShowMapLink":false,"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[],"class_list":["post-2502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kommentar"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2502"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3240,"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2502\/revisions\/3240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frontex-referendum.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}